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Bundesvereinigung Liberale Senioren e.V.

Festrede des Bundesvorsitzenden der Liberalen Senioren zum 10-jährigen Jubiläum der Liberalen Senioren Region Hannover am 18.5.17

Ja, wir könnten die Eigenarten des Alters verpassen! Wir könnten Chancen ungenutzt verstreichen lassen, z.B. der Entschleunigung, des Herausnehmens von Tempo. Und dann erschöpft unser Leben beenden.
Das neue Bild vom Alter ? Es darf uns nicht um Langsamkeit als Selbstzweck gehen, sondern um angemessenes Lebenstempo : im Umgang mit uns selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur. Es geht darum, angenommen zu werden. Und darum, sich selbst anzunehmen. Ich habe vergangene Woche bei einer 80. Geburtstagsfeier einen schönen Satz gehört, den ich hier gerne zitiere : Genug war uns immer genug !
Ich rede hier nicht der Askese oder dem einfachen Leben das Wort. Wohl aber habe ich als Pädagoge drei Z im Blick, die für uns Ältere größere Bedeutung gewinnen sollten : Zeit – Zuwendung – Zärtlichkeit.
Die schnelllebige Welt bietet wenig Beständigkeit und Zeit zum Durchatmen. Zeit ist ein kostbares Gut, sicher müssen wir sie nutzen. Aber wer wenn nicht wir Älteren dürfen sie auch einmal opfern – für unsere Familie, unsere Enkel. Dürfen sie auch verschwenden. Dürfen sie uns nehmen für vermeintlich Sinn-und zweckloses, das unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen aber bereichert. Ein kleines Gedicht dazu : „Ich habe es schon lang geahnt – ich werde von der Zeit verplant – Ich glaubte, es wär andersrum – als ich noch jünger war/ und dumm – Drum lass ich jetzt das Planen sein und lebe in den Tag hinein.“
Zuwendung! Dazu gehört eine Eigenschaft, der wir vor dem Hintergrund der Geschwätzigkeit in unserer Gesellschaft, dem gelegentlich übersteigerten Mitteilungsdrang wieder mehr Bedeutung beimessen sollten : Zuwendung durch Zuhören – nicht über den anderen hinwegreden. Dadurch finden wir Zugang zu unserem Gegenüber –können Gefühle entwickeln, Mitgefühl empfinden : Teilbereiche des dritten Z, der Zärtlichkeit. Ohne Empathie landen wir schnell in der Einsamkeit, die viele Menschen einem Altersbild zuordnen, das hoffentlich in den meisten Fällen von vorgestern ist. Franz Müntefering, der neue Vorsitzende der BAGSO, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, der auch wir Liberale Senioren angehören, hat in einer Jubiläumsrede vor der Spee-Akademie kürzlich in Düsseldorf drei aus einer Sicht wesentliche Lebensgewohnheiten betont, drei L - eines davon die Liebe. Sie bestimmt in unterschiedlichen Facetten unser Leben und unser Alter – in der Partnerschaft, in der Familie, im Freundeskreis.
Heute haben wir im Alter mehr Zeit zu leben, am gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben teilzuhaben : aktiv – engagiert – unternehmungslustig.
Nach dem 6. Altenbericht der Bundesregierung gibt es nicht nur ein Altersbild, sondern eine Vielzahl von Altersbildern, die miteinander konkurrieren. Unser Alter lässt immer Spielräume für unterschiedliche Deutungen, Bewertungen und Darstellungen. Je differenzierter und vielfältiger eine Gesellschaft, desto vielfältiger auch die Altersbilder. Allen sollte aber gemeinsam sein : 1. die Verpflichtung jedes Einzelnen, durch selbstverantwortete Lebensführung Potenziale für sich und andere zu nutzen. Und 2. die Verpflichtung des Staates, die Entwicklung und Verwirklichung solcher Potenziale zu ermöglichen.
Nehmen wir die Erwerbsbeteiligung älterer Beschäftigter, auch vor dem Hintergrund des Zeitpunkts des Eintritts in den Ruhestand, den wir Freie Demokraten ja flexibilisieren wollen. Wir brauchen in allen beruflichen Bereichen rechtzeitig ein AlterNsmanagement : gezielte personalpolitische Strategien hinsichtlich der Förderung von Gesundheit, der Qualifikation und der Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mittlerweile setzt sich ja die Einsicht durch, wegen der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels verstärkt auf die Kompetenzen, die Leistungsfähigkeit und die Mitverantwortung Älterer zu setzen.
Der 6. Altenbericht fordert eine deutlichere Akzentuierung der Lebenslaufperspektive. „Alter“ ist in unserer Gesellschaft noch zu sehr mit der Vorstellung eines einheitlichen, fest umrissenen Lebensabschnitts verbunden. In Unternehmen darf es keine innerbetrieblichen Altersgrenzen mehr geben, z.B. bei Weiterbildungsangeboten oder gesundheitserhaltenden Maßnahmen. Die Beschäftigten müssen in die eigene Arbeits-und Beschäftigungsfähigkeit investieren, indem sie diese Angebote nutzen. Die Sozialpartner müssen in Tarifverträgen der demografischen Entwicklung Rechnung tragen. Und der Gesetzgeber muss verlässliche und konsistente Rahmenbedingungen schaffen.
Bildung ist die Kernkompetenz für ein eigen-und mitverantwortliches Leben über den gesamten Lebensverlauf hinweg. Bildungsangebote sollten das bürgerschaftliche Engagement älterer Menschen unterstützen Wir müssen es aber auch als Pflicht empfinden, Bildungsangebote in allen Lebensaltern wahrzunehmen.
Dabei müssen wir neue Medientechnologien anzuwenden lernen. Alle Bildungsträger sind aufgefordert, auch bei uns Älteren die Medienkompetenz zu fördern und uns die Scheu zu nehmen, uns damit zu befassen. Die Möglichkeiten der digitalen Welt bestimmen unser Leben in der Zukunft, es ist eine faszinierende Welt, der wir uns öffnen müssen. Soziale Teilhabe und die individuelle Entwicklung hängen zunehmend davon ab – ein vortreffliches Feld auch für Großeltern und Enkelkinder, die uns ihr Wissen und ihre Fertigkeiten auf diesem Gebiet, die uns oft genug in Staunen versetzen, vermitteln können. Ein gutes Beispiel für generationenübergreifendes Miteinander.
Soziale Teilhabe und individuelle Entwicklung hängen auch davon ab, dass wir in einer vorurteilsfreien Gesellschaft leben, in einer Gesellschaft ohne Diskriminierung. Wer uns Älteren – wie zuletzt in einer Wohnimmobilienfinanzierungs- Richtlinie der EU - Kredite vorenthält, mit denen Wohnungen oder Einfamilienhäuser z.B. altersgerecht umgebaut werden sollen, tritt den ethisch und fachlich angemessenen Umgang mit dem Alter mit Füßen. Oder gesetzgeberische Zwangsjacken wie verpflichtende Fahreignungsüberprüfungen. Wir wissen schon selbst, wann wir uns freiwilligen Tests zu unterziehen haben. Und die soziale Kontrolle in Familie und Freundeskreis tut ihr Übriges.
Auch willkürlich gesetzte Altersgrenzen gehören abgeschafft. Im deutschen Recht werden sie häufig mit einem besonderen Schutzbedarf älterer Menschen oder mit einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit begründet. Jede Regulierung sollte grundsätzlich auf eine mögliche Altersdiskriminierung überprüft werden. Der Schutzaspekt mag in Einzelfällen von Bedeutung sein, pauschalisierende Begründungen lehnen wir Liberale Senioren ab.
Meine Damen und Herren, liebe Gäste : vor dem Hintergrund dieser Beispiele muss eine Botschaft lauten : Die Kultur einer Gesellschaft des langen Lebens wird sich an der Achtung vor dem hohen Alter bewähren müssen.
Zurück zu Franz Müntefering. Das zweite L, das er in den Vordergrund stellt, ist das Laufen. Damit meint er natürlich Sport und Bewegung, deren Wert manche von uns erst später im Leben entdecken. Als Sportlehrer freue ich mich natürlich darüber, dass das Bewusstsein für Gesundheit und Fitness enorm zugenommen hat. Sie sind halt bestimmend für die Qualität unseres Lebens. Und Selbstverantwortung, die wir Freien Demokraten ja gerne in den Vordergrund unserer politischen Arbeit rücken, bezieht sich auch auf unsere körperlichen Fähigkeiten und deren Erhalt auch im Alter. Prävention lohnt sich auch dann noch, verehrte Gäste.
Im 6. Altenbericht heißt es dazu – ich zitiere : „Es müssen vermehrt Konzepte der Gesundheitsförderung und der Prävention mit dem Ziel der Erhaltung der körperlichen, der seelisch-geistigen und sozialen Gesundheit entwickelt und umgesetzt werden.“ Zitat Ende. Die Antike lässt grüßen : Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Aber auch hier warne ich vor Übertreibungen. Sie alle kennen vielleicht den Theologen und Psychiater Manfred Lütz, der in seinem unüberhörbaren breiten Rheinisch sarkastisch dazu sagt – ich zitiere : „Es gibt Menschen, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund – aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.“ Also alles in Maßen.
In diesem Zusammenhang ist mir eine Bemerkung noch wichtig : Älteren Menschen muss genauso wie jüngeren Menschen der Zugang zu allen erforderlichen gesundheitsbezogenen Leistungen gesichert werden. Wir lehnen eine Rationierung solcher Leistungen aufgrund des Lebensalters ab. Ökonomie darf nie die Humanität eines Gesundheitssystems verdrängen.
Wir sind uns sicher einig, dass dieser Grundsatz auch und gerade für die Pflege gilt. Altenpflegerinnen und Altenpfleger ihre Arbeit mit der Stoppuhr in der Hand leisten zu lassen, ist zutiefst unmenschlich. Pflege hat nicht nur eine medizinische Seite, sondern es braucht auch eine kommunikativ-soziale Unterstützung – auch durch kulturelle und sprachliche Schulung.
Dadurch können auch die Belange älterer Migrantinnen und Migranten besser berücksichtigt werden. Wir dürfen sie nicht vergessen. Sie erinnern sich an mein zweites Z, die Zuwendung, die für eine erfolgreiche Pflege unumgänglich ist. Dabei spielen natürlich auch die Kompetenzen und die Ressourcen der Nachbarschaft eine Rolle, die wir so weit wie möglich einbinden sollten.
Auch in Grenzsituationen des Lebens müssen wir Lebensqualität ermöglichen und erhalten. Die mitmenschliche Arbeit, die in der Palliativmedizin und in Hospizen geleistet wird, können wir gar nicht hoch genug würdigen. Hier findet auch ehrenamtliches Engagement seine Krönung.
Wir wären aber keine Freien Demokraten, wenn wir an dieser Stelle nicht die Bedeutung der Autonomie jedes einzelnen Menschen bis an sein Lebensende herausstellen würden. Mit der Patientenverfügung kann er seinen Willen rechtzeitig dokumentieren. Wir setzen uns diesbezüglich auch für Rechtsklarheit und Rechtssicherheit ein für Menschen, die ihrem Leben aus freier Entscheidung vorzeitig ein Ende setzen möchten, und für Ärzte, die ihnen dabei zur Seite stehen möchten. Dabei haben wir Respekt vor denjenigen, die solche Regelungen aus ethischen, moralischen oder religiösen Gründen ablehnen. Zukünftig dürfen aber Menschen in unserem Land nicht länger gezwungen sein, ins benachbarte Ausland zu reisen.
Meine Damen und Herren, liebe Festgäste, lassen sich mich zum Schluss auf das dritte L des BAGSO-Vorsitzenden eingehen – das Lachen. Es gehört auch zum Vermächtnis des viel zu früh verstorbenen früheren FDP-Vorsitzenden Dr. Guido Westerwelle, der uns als letzten Gruß ins Stammbuch schrieb : Vergesst mir das Lachen nicht ! Das Miteinander-Lachen in Geselligkeit !
Humor trägt uns durchs Leben. Nicht alles so ernst nehmen, vor allem nicht sich selbst. Das kann auch ein Vorzug des Alters sein, wie Wilhelm von Humboldt es ausdrückt - ich zitiere : „Es ist sichtbar ein Vorzug des Alters, den Dingen der Welt ihre materielle Schärfe und Schwere zu nehmen und sie mehr in das innere Licht der Gedanken zu stellen, wo man sie in größerer, immer beruhigender Allgemeinheit übersieht.“
Eine solche Einstellung gehört sicher zu einem Altersbild, das auch die Haltung der Liberalen Senioren der Region Hannover prägt – zehn Jahre erprobt, in zehn Jahren mit Inhalt erfüllt.
Ich gratuliere – auch im Namen des gesamten Bundesvorstands der Liberalen Senioren – herzlich zu diesem Jubiläum, dem sich noch viele Feste anschließen mögen. Auf das Get-together freue ich mich jetzt mit Ihnen und danke Ihnen für Ihre Geduld beim Zuhören. Glück auf für uns alle !
Red.LiS


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Positionen / Seniorenpolitik